51 Jahre Diabetes Typ 1: Mein Name ist Wolfgang Kraft und ich bin am 20.12.1951 geboren.
Mein Diabetes Typ 1 wurde mit 23 Jahren im März 1975 in Heidelberg festgestellt. Bis dahin hatte ich den Kochberuf (in Kassel) erlernt und ausgeübt, eine zweijährige Bundeswehrzeit hinter mich gebracht. Und sportlich war ich fußballerisch im Verein sehr aktiv.
In Heidelberg befand ich mich seit 1973 zur Weiterbildung zum Betriebswirt für das Hotel- und Gaststättengewerbe. Während der schriftlichen Abschlussprüfungen im Februar 1975 begann eine unendliche Durstleidensgeschichte, dem sich ständig ein stündlicher Toilettengang (auch nachts) anschloss. Nach Beendigung der schriftlichen Prüfungen wurde ich in der Polio-Klinik in Heidelberg vorstellig, die mich mit einem Blutzucker von über 600 sofort da behielten. Nach einer dreitägigen Haferschleimzeit erfolgte eine dreiwöchige stationäre Einstellung des Diabetes. Während der Normalisierung des Stoffwechsels stellten sich Sehstörungen ein, die ein weiteres Lernen für die noch anstehende mündliche Prüfung unmöglich machten. Eine liebe Mitstudentin, die mündlich in den gleichen Fächern geprüft werden sollte, besuchte mich täglich im Krankenhaus und büffelte mit mir. Direkt nach dem Krankenhausaufenthalt erfolgte die mündliche Prüfung – mit Erfolg.
Jetzt begann ein ganz neues Leben – ein Leben mit Diabetes nach starrem Plan: Täglich 2 Spritzen mit U30 Langzeit- und Normalinsulin, Kohlenhydrate berechnen, Pünktlichkeit beim Essen, tägliche Urinkontrollen, morgens hohe Blutzuckerwerte, ansonsten immer wieder große Blutzuckerschwankungen, heftige Unterzuckerungen, alle 6 Wochen Arztbesuch zur Blutzuckerkontrolle, lange Wartezeiten beim Arzt.
Beruflich hat es mich dann in einem gastronomischen Betrieb nach Bremen verschlagen. Nach täglich 10 – 12-stündigem Arbeitseinsatz in Personalführung, Einkauf, Küche und Gästebetreuung etc. habe ich nach ca. 6 Jahren einsehen müssen, dass sich derzeit Gastronomie und Diabetes nicht in Einklang bringen ließen.
Es erfolgten zwei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen im administrativen Bereich (2 Jahre in einer Gemeinde und 2 Jahre die Aufgabe der Schuldenregulierung in einer JVA), da zig Bewerbungen in diesem Bereich ins Leere liefen. Eine Weiterbeschäftigung nach jeweils 2 Jahren war nicht möglich, da immer die Planstelle fehlte.
Da in der JVA Interesse an meiner Arbeitskraft bestand, wurde mir eine Ausbildung zum Justizverwaltungsbeamten vorgeschlagen. Nach Absolvierung einer zweitägigen Prüfungsmodalität begann für mich mit 37 Jahren erneut eine Ausbildung. Bis zum Rentenbeginn konnte ich auf eine Arbeitszeit von zweimal lebenslänglich (30 Jahre) in der JVA zurückblicken.
Gesundheitlich war natürlich in der ganzen Zeit auch immer einiges zu meistern:
- Operationen an der Nasennebenhöhle (1992 und 1997 in Kassel)
- Laserbehandlungen an beiden Augen (zwischen 1992 und 1997 jeweils 2 in Kassel)
- Hypophysentumor (OP 1997 und 2000 in Kassel)-Folge: Gesichtsfeldeinschränkung
- Krebserkrankung (2009 Non-Hodgkin-Lymphom in Northeim)
- 6 Chemotherapien und 10 Antikörpertherapien
- Grauer Star (2023 beide Augen mit Vollnarkose in Göttingen)
- Bruch rechter Oberarm (Aug. 2025 in Northeim)
Da sich seit 1975 sehr viel im medizinischer Hinsicht verbessert hat, möchte ich auch meine eigenen Eindrücke und Erfahrungen einbringen:
Erste Probleme hatte ich 1975 beim Verschreiben von Einmalspritzen. Es wurde mir eine Glasspritze verschrieben, die ich täglich auskochen sollte. Nachdem die Blutzuckergeräte kostengünstiger wurden, tat sich die Krankenkasse schwer, diese zu genehmigen. Nachdem ein Blutzuckergerät genehmigt wurde, war die Verschreibung von Teststreifen mengenmäßig immer ein weiteres Problem.
Besonders profitieren konnte ich bei der Neueinstellung Mitte 1990 in der Diabetesklinik Bad Lauterbach zur intensivierten Insulintherapie. Man lebte freier und nicht mehr zeitgebunden. Man konnte seinen Diabetes selbst behandeln. Man lernte auch von Gleichgesinnten und lernte viel über seinen eigenen Diabetes. Durch den Bezug vom Diabetes-Journal war ich immer auf dem neuesten Stand der Diabetesforschung.
Meine erste Insulinpumpe bekam ich 2007; eine Pumpe mit CGM 2018 – ein Segen.
Bei all meinen Krankenhausaufenthalten kann ich nur von guten Erfahrungen sprechen. Die Diabetesbehandlung wurde mir selbst überlassen. Erwähnenswert sei hier, dass nach den Chemotherapien die dreifache Menge an Insulin erforderlich war.
Sportlich habe ich bis zum 35. Lebensjahr aktiv Fußball im Verein gespielt. In der Betriebssportgemeinschaft in der JVA spielte ich Volleyball, ab dem 50. Lebensjahr kam Tanzen dazu. Wandern und Fahrradfahren ist bis heute noch eine ständige Freizeitbeschäftigung.
Privat lebe ich seit über 35 Jahren mit einer lieben Partnerin zusammen, die viel Verständnis für mich und den Diabetes mitbringt.
Ich denke, dass der Diabetes immer ein stiller Begleiter ist, mit dem man sich arrangieren muss, um sich wohlzufühlen und um mögliche Spätschäden zu vermeiden.
Sorge bereitet mir allerdings, was die Preisträgerin von 2023 Erika Späth geschildert hat, dass im betreuten Wohnen oder Pflegeheimen die Pumpe und die Sensoren weggenommen werden und so einem eine wichtige Lebensgrundlage entzogen wird.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Kraft




