Barbara Dvorak

(58 Jahre Diabetes)
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Eigentlich war ich ein munteres gesundes Kind, neugierig auf die Schule, spielte gern mit anderen Kindern und war immer fröhlich. In den ersten Freien meines Lebens kam meine Freundin zu Besuch und ich hatte mich seh auf ihren Besuch gefreut. Zunächst war es auch wunderschön, aber plötzlich nervte mich alles und ich zankte mich mit ihr und meinem Bruder.
Meine Freundin ging dann sehr enttäuscht nach Hause. Ich wußte auch nicht was mit mir los war, ich war auf jeden Fall sehr müde. Ein paar Tage später wachte ich auf und bemerkte juckende Rötungen und Quaddeln am ganzen Körper und hatte erhöhte Temperatur.
Meine Mutter nannte es Nesselfieber und entschied, dass ich wegen der Temperatur im Bett bleiben sollte, zur Linderung des Juckreizes rieb sie mich mit Essig ab.
Am Schlimmsten war der Juckreiz und die Müdigkeit. Weil ich stark nach Essig roch, wollte keiner zu mir ins Zimmer kommen. So rieb ich mich ständig selbst mit Essig ab in der Hoffnung auf Heilung. Nach einigen Tagen wurde es tatsächlich etwas besser, doch das Fieber blieb noch. Nachdem ich gebadet hatte, durfte ich wieder in die Küche und sollte etwas essen und trinken. Ich hatte Heißhunger auf etwas Süßes und plötzlich starken Durst. Ich bekam ein Rosinenbrötchen mit Marmelade und Orangensaft. Weil ich krank war, bekam ich nur leckere Dinge. Tage später war der Heißhunger nur auf Süßes und dieser starke Durst immer noch da. Ich wollte nur noch Pfirsiche aus der Dose, denn die waren saftig und süß. Der Vorrat musste bald aufgefüllt werden. Das ständige Wasserlassen war für ein Kind sehr seltsam und ich nahm rapide ab.

Ich schlief viel, wenn ich nicht auf der Toilette war, mir war übel, trank ohne Ende und lag ziemlich apathisch im Bett. Als ich kaum noch aufstehen konnte, um auf die Toilette zu gehen, fuhr ein Taxi mich und meine Mutter zum Hausarzt. Mir war durch die Fahrt so schlecht und ich träumte während der Autofahrt von Wasser, so ausgetrocknet fühlte ich mich. Der Hausarzt untersuchte mich nicht lange und fragte mich auch nichts, er überwies mich ins entfernte Krankenhaus mit dem Verdacht auf Gelbsucht. Auch diese Fahrt war der reinste Horror. In diesem Krankenhaus wurde ich sofort ohne weitere Untersuchungen auf die Isolierstation verfrachtet, dort blieb ich dann, ohne dass jemand kam, alleine liegen. Vor lauter Durst schleppte ich mich ans Waschbecken und trank immer wieder Wasser. Gegen frühen Morgen kam wohl die Putzfrau, die mich dann bewusstlos auf dem Boden fand. Ich war dann ca. 8 Tage im diabetischen Koma bevor man endlich alles in den Griff bekam. Für mich als Kind waren das wirklich prägende Zeiten, vor allem die 13 Wochen, die ich danach noch im Krankenhaus verbringen musste.

Als ich dann nach und nach mitbekam, was dieser jugendliche Diabetes für mich bedeutete, begann ich diese Krankheit zu hassen. Ich war zu dieser Zeit nur noch Haut und Knochen und musste lernen, mir mit einer große Glasspritze mit dicken Nadeln das Insulin in meine dünnen Oberschenkel zu spritzen. Meine Eltern bekamen keine Unterweisung, weder für die Therapie noch für geänderte Ernährungsweise. Ich wurde als Kind in diesem Krankenhaus von einer Ärztin oder Beraterin zur anderen geschleppt und sollte mir alles merken. Sie brachten mich sogar auf eine Station, in der Diabetikerinnen mit Amputationen lagen, damit ich mein Verhalten entsprechend anpasse. Schockschulung….

Leider gab es noch keine Blutzuckerteststreifen, nur Harnzuckerteststreifen, die trotz Insulin, viel Bewegung, Ernährungsänderung laut selbstgekauften Büchern usw. fast immer dunkelblau (hoher BZ-Wert) waren. Über die Möglichkeit einer Unterzuckerung wurde ich bzw. meine Eltern gar nicht aufgeklärt. Meine Mutter spritze mir eine ganze Glasspritze voll Insulin als ich morgens im Unterzucker im Bett lag. Ein Notarzt reagierte aber schnell und ich wurde gerettet. Meine Mutter dachte, Insulin hilft Diabetikern….Noch viele solcher kleinen Episoden passierten im Laufe meiner Schulzeit. Ich war öfter für längere Zeiträume stationär im Krankenhaus aber ich schaffte es ohne Jahrgangswiederholungen bis zum Abitur. Meine Freundinnen und Klassenkameradinnen haben mir sehr oft den aktuellen Lehrstoff zukommen lassen, was einfach genial war.

Das größte Problem als Jugendliche hatte ich mit meiner Mutter. Sie hatte immer furchtbare Angst, wenn ich Sport trieb, wenn ich allein unterwegs war, wenn sie nicht wusste, was ich machte usw… Dies waren dann immer Streitpunkte. Obwohl es in der Zwischenzeit sogar Blutzuckermessgeräte und Teststreifen für Diabetiker (erhebliche größere Geräte als heutzutage) gab, mit denen man selbst testen durfte. Mir war klar, ich musste, nach dem Abi von zu Hause weg. Ich wollte endlich frei sein und das bedeutete auch, meine Erkrankung nicht mehr so wichtig zu nehmen, denn sie war und ist eine Erkrankung, die mich einengte und zu so vielen Dingen, die ich nicht mochte, zwang. Ich machte meine Ausbildung, studierte berufsbegleitend, was sehr anstrengend war und heiratete bald. Dies alles lief ohne meine Eltern richtig miteinzubeziehen, ich musste doch beweisen, dass ich es alleine schaffe. Meine Zuckerwerte waren in dieser hektischen aber auch erfolgreichen und erlebnisreichen Zeit nicht so gut…

Einige Jahre ließ ich meine Erkrankung nebenbei mitlaufen und beachtete manch große Schwankungen gar nicht. Mein Mann bemerkte nach ca. 3 Jahren, dass es mit meine Gesundheit bergab ging auch wenn ich nichts dazu sagte. Ich legte ein seltsames Essverhalten an den Tag, was ihn beunruhigte. Zudem hatte ich Wasser in den Beinen, war sehr häufig müde, war psychisch nicht mehr so gut drauf, konnte meinen Sport nicht mehr regelmäßig bestreiten und hatte starkes Herzrasen. Zu dieser Zeit und mit diesen Beschwerden bin ich aus Verzweiflung nach München zu Prof. Mehnert gefahren. Ich hatte von ihm nur Gutes gehört und meine behandelnden Ärzte wussten auch keine Lösung. Nervlich am Ende, erhoffte ich mir Verständnis und klare Tipps, wie ich mich verhalten sollte. Prof. Mehnert schaute mich nur an, sagte, dass ich doch wissen, worauf es beim Typ 1 ankomme, hatte kein Verständnis für mein Verhalten und gab mir nur einen Tipp: Ich sollte am Tag nur 1-2 Äpfel essen, diese sollte ich aufteilen. Das war auf jeden Fall nicht die Lösung für mich.

Nach langen Überlegungen, Beratungen und Ausprobieren wurde mir klar, dass ich eine psychosomatische Therapie in Anspruch nehmen sollte. Eine psychosomatische Therapie ist jedoch ein langwieriger Prozess, vor allem, wenn der anstrengende Alltag weiterhin nebenbei läuft. Ich besuchte verschiedene Therapeuten, aber oft bekam ich nach kurzer Zeit das Feedback, dass meine Diabeteserkrankung für ihre Therapie, die sie mir empfehlen würden, zu gefährlich ist und sie deshalb die Arbeit mit mir ablehnen. Ihr gutes Recht, aber dann stand ich wieder alleine da. Was das ganze Problem auflöste, waren die massiven Spätfolgen, die dann plötzlich nacheinander eintrafen: Diabetische Retinopathie, Nephropathie und Neuropathie usw..

Auf einer Dienstreise bluteten mir die Augen ein, bis zum absoluten „Nichtsmehrsehen“. Es war einfach ein grausamer Schock, plötzlich ist das Leben erstmal vorbei. Aber Gott sei dank gibt es die Medizin, die Ärzte, die Spezialisten, die Medizintechnik usw… Nach 2-3 Jahren konsequenter Behandlung, Therapie und vielen Operationen wurde mein Leben wieder lebenswert. Bis heute stagniert die Retinopathie, ich habe auf dem linken Auge noch eine eingeschränkte Sehkraft von ca. 12%, die Nephropathie bleibt einigermaßen stabil und die Neuropathie versuche ich durch leichten Sport zu stabilisieren. Nach einigen privaten Negativerlebnissen, die durch die erworbenen Behinderungen passiert sind, habe ich meinen neuen Freund und Lebenspartner getroffen, den ich, wenn ich nicht sehbehindert geworden wäre, nicht kennegelernt hätte. Das war ein großes Glück!

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