70 Jahre Diabetes – mal anders
Wie das so war damals, mit dicken Glasspritzen und unfassbar viel Inkompetenz, wissen wir ja nun zur Genüge. Darum hier ein paar Geschichten drum herum:
Im Mai 1956 hat die Fünfjährige Durst. Viel Durst. Ein Labortest zeigte schnell: Diabetes.
Ersteinstellung im Schwabinger Krankenhaus, 6 Wochen. Etwa 8 Mädchen im Schafsaal, 5 – 15 Jahre alt. Nach dem Mittagessen wird geruht, alle mit dem Gesicht zum Fenster, ja kein Mucks! Sonntags geht es in die Kirche – ohne mich, ich war ja Protestantin, also Heidin. Eine Säuglingsschwester erbarmt sich und lässt mich in ihrer Abteilung „helfen“ in dieser Zeit.
In meinem Urin-Sammelbehälter schwimmt ein Zuckerkügelchen aus der Spielküche. Ein Kind, mit dem ich immer Ärger habe, „petzt“: Ele hat Zuckerkügelchen gegessen!
Mein Vater, Arzt, sammelt Therapievorschläge. Z.B. den einer (psychosomatischen?) Klinik, man möge mich für 6 Wochen dorthin schicken, ich käme garantiert geheilt zurück.
Stattdessen gehe ich nun in die Schule, so normal wie nur je ein Kind, mit Wandertagen, Schulfahrten, Sport nach Herzenslust und ganz ohne Extrawürste oder Begleitung. Und so bleibt es bis zum Abitur. In den Ferien verreise ich oft allein, im Zug, mit großem Gepäck: Spritzbesteck, Spritzenkocher, Polarimeter. Urinteststreifen. Manchmal sogar mit dem Hamster im Käfig. Am liebsten mache ich allein Segelurlaub mit dem Dackel.
Heute ist das Gepäck genauso voluminös: Pumpenzubehör, Sensoren, Medikamente für die Folgeerkrankungen, alles doppelt – aber heute gibt es wenigstens Rollkoffer!
Mit Neun kommt die zweite tägliche Spritze. Damit ich dafür nicht immer meinen Vater brauche, lerne ich das Spritzen nun selbst (und bekomme als Belohnung einen Photoapparat). Diese neue Freiheit nutze ich gleich mal, um mich in eine Hypo mit Fremdhilfe zu spritzen – es sollte die einzige in 70 Jahren Diabetes bleiben.
Allerdings leistete ich mir mit 20 ein Hyperglykämie-Koma – wegen eins Infekts aß ich nichts und hörte deshalb besten Gewissens auf zu spritzen. Kontrolliert habe ich auch nicht, obwohl ich Haemoglukotest zu Hause liegen hatte (die gab es nämlich in Deutschland seit 1968!). Das würde heute wohl keinem Diabetiker mehr einfallen.
Na, Schwamm drüber.
Das Studium war herrlich – keiner wusste nun vom Diabetes, das Körpergefühl funktionierte, die Teststäbchen lagen also ungenutzt in der Schublade. Mit 26, bei der Gesundheitsprüfung für werdende Beamte, meinte die Ärztin: Prima, alles in Ordnung! Wenn sie nach 20 Jahren Diabetes noch so tadellos beieinander sind, sehe ich keinen Grund, sie nicht zu verbeamten.
Ganz recht hatte sie damit leider nicht: Mit 49 zwang mich die Gastroparese in den Ruhestand.
Denn das ist die andere Hälfte der Geschichte: Ich habe lange und gern gearbeitet, aber der Körper nahm die falsche Belastung durch den schrägen Stoffwechsel übel. Nach 31 Jahren Diabetes mussten die Augen das erste mal gelasert werden. 4 Jahre später warnten die Nieren das erste Mal. Mit 49 Ruhestand, mit 50 große Herz-OPs, die wegen Komplikationen und Staph aureus fast schief gingen. Und danach ging´s bergab (um Hildegard Knef zu zitieren).
Und doch nicht: Der Seele geht es gut, denn hier kommt die „dritte Hälfte“ ins Spiel: Der Typ F Diabetiker, der seit 57 Jahren alle Hochs und Tiefs mitmacht, sich anfangs brav raus hielt, inzwischen aber ein hervorragender Diabetes-Manager und -Koch geworden ist (und nebenbei noch im Beruf sehr erfolgreich war) und mit mir nun den wohl verdienten Ruhestand genießt, auch dank heutiger Diabetes-Technologie.
Veröffentlicht: 2026




