Mit 15 Jahren ist mein Diabetes Typ 1 1974 in der Uniklinik in Freiburg im Breisgau diagnostiziert worden. Meine Mutter hat festgestellt, dass ich 1 ½ Liter Rapp-Flüssigkeit in einem Zug getrunken habe (eine Fruchtsaftflüssigkeit damals) und dann auf das WC bin. Zum Schluss habe ich auf dem WC getrunken und „gepinkelt“.
Ich bin mit weit über 800 mg/dl eingeliefert worden. Als der Wert festgestellt wurde, haben die Ärzte hinter meinem Rücken darüber sinniert, wieso ich noch am Leben bin. Eine Ärztin hat mich gefragt, ob es mir gut geht. Ich selbst bin in Tränen ausgebrochen. Ich wusste nicht, was los ist.
In der Uniklinik Freiburg wurde ich auf Rinder- oder Schweininsulin eingestellt, welches zuerst, weiß ich nicht mehr. Das Insulin wurde mit Stahlkanülen injiziert, die Durchmesser kann man mit heutigen Nadeln nicht mehr vergleichen. Der Glasspritzenkörper und die Nadeln mussten jeden Tag im heißen Wasser sterilisiert werden. Ich habe dann eine Allergie gegen das tierische Insulin entwickelt. Meine Oberschenkel, da wo die Spitzen angesetzt wurden, waren hart wie Beton. Die Nadel ging nicht mehr durch die Haut hindurch. Daraufhin wurde auf das andere tierische Insulin gewechselt, was aber auch nicht wirklich half.
Der Blutzucker wurde über die Glukose im Urin bestimmt. Das waren Tabletten, die musste man in ein Glasröhrchen hineingeben und „hineinpinkeln“. Mit einer Holzwäscheklammer hat man das Glasröhrchen gehalten, weil zu heiß wurde, um mit den Fingern zu halten. Wenn sich die Flüssigkeit grün verfärbt hat, wusste man, dass Harnzucker über den Urin ausgeschieden wird und der BZ zu hoch ist. Das war die Kontrolle damals.
Ich hatte eine Ausbildung als Zimmermann begonnen. Die Broteinheiten habe ich mir damals auf der Baustelle über Knäckebrot zugeführt. Es war das Lebensmittel, wo die KH-Werte auf der Verpackung angegeben waren und man die BEs genau berechnen konnte. Unterzuckersymptome wie zittern, übermäßiges Schwitzen usw. wurde mit Traubenzucker behandelt.
Mit Mitte 20 während meines Studiums bin ich in das Konstanzer Krankenhaus und habe mich stationär einweisen lassen, da die Unterzuckerungen immer mehr und heftiger wurden. Da wurde ich erstmals auf Humaninsulin umgestellt. Ich habe mich 2-mal täglich gespritzt. Morgens mit schnellwirkendem, nachts mit verzögert wirkendem Insulin.
Mit 27 Jahren habe ich angefangen als Ingenieur zu arbeiten. Die Diabetes-Einstellung war mehr schlecht als recht. Mit Anfang 30 habe ich dann das Dawn-Phänomen entwickelt. Um meinen Zucker am morgen im Griff zu haben, habe ich mir nachts den Wecker gestellt. Und von 7 Tagen die Woche, habe ich 5-mal nachts auf den Wecker gehauen, um weiter schlafen zu können. Dementsprechende „Himalaja-Zuckerwerte“ hatte ich morgens. Mit Mitte 30 war ich in der Diabetes-Klinik in Bad Mergentheim und habe dort vom behandelnden Arzt, Herrn Dr. med. Bernhard Teupe von der Insulinpumpentherapie erfahren. Daraufhin bin ich zu einem Insuliner Treffen nach Kleve gefahren, um mich mit Betroffenen über die Insulinpumpentherapie auszutauschen. Das Treffen war sehr hilfreich, es hat allerdings noch 2 Jahre gedauert, bis ich mental soweit war, mir die Pumpe anzulegen.
In der Zeit wurde erstmals eine diabetische Retinopathie diagnostiziert worden, was mich sehr erschreckt hat. Ich habe die Pumpenbehandlung sehr ernst genommen und versucht, meine diabetischen Entgleisungen in Griff zu bekommen, was mir gelungen ist. Zwei Jahre später hatten sich die Mikroaneurysmen zurückgebildet.
2023 wurde Prostatakrebs bei mir diagnostiziert und im Mai 2024 operativ entfernt. Auch diesen Tiefschlag habe ich überstanden. Meinen Diabetes habe ich immer noch, der Krebs wurde mehr oder weniger entfernt. Auch darauf hätte ich verzichten können, keine Ahnung warum mir der Herr diese Bürden auferlegt, aber es muss wohl so sein.
Ich lebe nun seit 52 Jahren mit meinem Diabetes und beruflich habe ich rund 35 Jahre aus dem Koffer gelebt. Gesundheitlich, privat und beruflich habe ich mehr Tiefen als Höhen durchleben müssen. Aber ich bin immer wieder aufgestanden, habe weitergemacht und mich wieder nach ganz vorne hochgearbeitet. Mein Leben aufzugeben oder wegzuschmeißen war keine Option für mich.
Ich erzähle meine Geschichte, da ich den jüngeren und jüngsten unter uns Hilfestellung geben will. Ich will versuchen, ihnen die Angst vor Diabetes nehmen und ihnen aufzeigen, dass man auch mit solch einer lebenslangen, in allen Lebenslagen begleitenden Immunerkrankung ein selbstbestimmtes, beruflich und privat erfolgreiches als auch herausforderndes Leben führen kann und nicht auf Almosen oder Mitleid angewiesen ist.
Danksagen möchte ich Herrn Dr. Bernhard Teupe, der mir über fast 2 Jahrzehnte hinweg ein ehrlicher, fordernder und an mir als Mensch interessierter Begleiter – Diabetologe – war. Ich bin in der Zeit jedes Mal knapp 300 Km – einfacher Weg – zu ihm in die Praxis gefahren. Der Kontakt ist dann abgebrochen, als ich im Ausland angefangen habe zu arbeiten.
Beste Grüße Siegfried Kupferer
Veröffentlicht: 2026




