Oliver Rathey

(51 Jahre Diabetes)
IMG_007_mit-KI-Unterstuetzung

MEINE WG ERFAHRUNGEN MIT DIABETES TYP I

51 Jahre – eine tragisch-komische Zweck- und Wohngemeinschaft

Seit November 1975 lebe ich mit Typ-1-Diabetes. Im November 2025 jährte sich diese ungewöhnliche Verbindung zum fünfzigsten Mal – wir feierten also gewissermaßen unsere „goldene Hochzeit“. Eine klassische Liebesgeschichte war es allerdings nie. Eine Trennung war medizinisch leider nicht vorgesehen, und so entwickelte sich daraus im Laufe der Jahrzehnte eine dauerhafte Zweck- und Wohngemeinschaft.

Als die Krankheit begann, war das Diabetesmanagement – diesen Begriff gab es damals auch noch gar nicht – mit der heutigen Versorgung nicht zu vergleichen. Es sind, bildlich gesprochen, damals und heute zwei völlig verschiedene Planeten.

In den Monaten vor der Diagnose ging es mir zunehmend schlechter. Die Ärzte vor Ort wussten jedoch nicht, was mir fehlte. Auch Verwandte und Nachbarn hatten eigene Erklärungen: Ich sei „verzogen“, hieß es, und bräuchte wohl strengere Erziehungsmaßnahmen. Meine Eltern ließen sich glücklicherweise nicht davon überzeugen. Damals waren diese strengeren Erziehungsmaßnahmen etwas anders als heute.

Als sich mein Zustand weiter verschlechterte, entschlossen sich meine Eltern, vor allem auf Drängen von meinem Vater, mit mir in die Kinderklinik nach Regensburg zu fahren. Eine Autobahn gab es damals noch nicht. Es ging über Landstraßen und bei schwierigen Wetterbedingungen – aus heutiger Sicht eine abenteuerliche Fahrt. In der Kinderklinik erkannten die Ärzte sofort, worum es ging, und retteten mir damit das Leben. Mein Professor sagte später zu meinen Eltern: Wenn sie heute nicht gekommen wären, wäre es zu spät gewesen.

Damit begann meine jahrzehntelange Diabetesgeschichte.

Es änderte sich nicht nur mein Leben, sondern auch das meiner Eltern und meiner zwei Brüder.

DIE FRÜHEN JAHRE

Meine Kindheit verlief von da an anders als die Kindheit anderer Kinder. Die Aufenthalte in der Klinik waren lang: Innerhalb eines Jahres verbrachte ich insgesamt drei Mal sechs Wochen im Krankenhaus. Und es folgten noch viele weitere, u.a. auch an Festen wie Weihnachten, Ostern usw..

Auch die Schulung und der Umgang mit der Erkrankung waren damals sehr nüchtern – vorsichtig formuliert. Die Botschaften lauteten sinngemäß: Wenn du dies oder jenes machst oder nicht machst, wirst du nicht lange leben. Und von einem damaligen Oberarzt hieß es über Menschen mit „Zucker“, wie Diabetes damals oft genannt wurde: „Die haben eh nicht lange.“

Das war für ein Kind und seine Eltern sicher keine besonders aufbauende Form der Motivation. Wahrscheinlich entsprach es jedoch dem damaligen medizinischen und gesellschaftlichen Zeitgeist. Trotz aller Härte gilt ebenso: Die Kinderklinik, der Chefarzt Prof. Dr. Hansler und die dort tätigen Ärztinnen und Ärzte haben mir das Leben gerettet und mich durch meine ersten Jahre mit der Erkrankung begleitet. Und selbst in dieser Klinik war Diabetes Typ I keine alltägliche Krankheit.

Von moderner Technik war man damals weit entfernt. Zu Hause gab es zunächst keine Blutzuckermessgeräte und selbstverständlich auch keine modernen Analoginsuline. Mein erstes Insulin war Rinderinsulin, das ich nicht vertrug. Kurz darauf wurde ich auf Schweineinsulin umgestellt.

Den Blutzucker mussten wir mühsam mithilfe von Urintests und anhand meines körperlichen Befindens einschätzen. Die Spritzen waren zunächst aus dickem Glas und mussten ausgekocht werden. Das gehörte damals zum Alltag. Glücklicherweise wurden auch diese bald durch die noch heute bekannten Kunststoffspritzen ersetzt. Aber nie vergessen werden ich diese Stahllanzetten mit der 7-8 mal pro Tag im Krankenhaus die Finger zerstochen wurden um ein Glasröhrchen zu füllen für den Blutzuckertest. Die Finger taten nach dem ersten Tag schon weh. Es gab aber noch weitere 6 Wochen.

Süßigkeiten und Limonaden spielten in meiner Kindheit kaum eine Rolle. Limo oder Cola gab es für mich zunächst nicht – und Cola Zero oder Cola light lagen ohnehin noch in einer weit entfernten Zukunft. Meine erste Cola light bekam ich erst, als sie auf den Markt kam. Das war 1983. Da hatte ich bereits 8 Jahre Diabetes. Und die weiteren wenigen Diabetesprodukte waren geschmacklich damals allerdings eher ein medizinisches Experiment als ein Genuss. Selbst Früchte wie Weintrauben und Ananas waren verboten.

MEINE MEDIZINISCHEN STATIONEN

Die wichtigsten Stationen meiner Behandlung waren:

– 1975 bis 1984: Kinderklinik Hedwig in Regensburg, Prof. Dr. Hanssler

– 1982: einmaliger Aufenthalt im Klinikum Schwabing bei Prof. Dr. Mehnert

– 1986 bis 1999: Klinikum Bogenhausen bei OA Dr. Renner

– 2004: einmaliger Aufenthalt Barmherzige Brüder Regensburg

– 2010 und 2021: Klinikum Bad Mergentheim, Prof. Dr. Haak

Die ersten Unterlagen aus der Kinderklinik sind leider nicht mehr vorhanden. Ich habe versucht, bei der Hedwigs-Klinik in Regensburg Informationen zu erhalten, musste jedoch erfahren, dass die Unterlagen bereits vernichtet worden waren. Auch aus der frühen Zeit meiner Erkrankung existieren keine Tagebücher oder ärztlichen Dokumente mehr.

Mein Hausarzt verfügt noch über Unterlagen bis in die frühen 1990er-Jahre. Bemerkenswert ist, dass ich bis heute derselben Praxis treu geblieben bin – auch wenn die Ärztinnen und Ärzte inzwischen gewechselt haben. Selbst die Praxisräume, die 1980 bezogen wurden, sind noch dieselben. Als die Praxis damals umzog, bin ich gewissermaßen einfach mit umgezogen – und bis heute dort Patient. Habe aber selbstverständlich zusätzlich auch eine Diabetologin.

VON DER GLASSPRITZE ZUR INSULINPUMPE

Seit 1999 nutze ich eine Insulinpumpe. Ich hätte bereits 1988 eine Pumpe bekommen können, lehnte dies damals aber ab. Diese Entscheidung würde ich heute nicht mehr treffen. Die Insulinpumpe würde ich inzwischen nicht mehr freiwillig hergeben. Jetzt habe ich sogar eine schlauchlose. Find ich super!

Heute nutze ich eine moderne Pumpe und ein CGM-System. Ich bediene meine Pumpe immer noch manuell und handle möglichst vorausschauend. Nach 50 Jahren gibt man „das Heft des Handelns“ ungern aus der Hand.

Ich glaube, dass das ganz ordentlich funktioniert: Über einen Zeitraum von 90 Tagen lag meine Time in Range im üblichen Zielbereich bei 91 Prozent, die Glukosevariabilität bei stabilen 25 Prozent. In meinem persönlich gewählten Zielbereich von 85 bis 165 mg/dl lag ich zu 78 Prozent der Zeit. Der HbA1c-Wert beträgt derzeit 6,0 Prozent.

DAS „NORMALE“ LEBEN

Trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – des Diabetes habe ich versucht, ein möglichst normales Leben zu führen.

Die Kinder- und Jugendjahre waren durchaus „wild“. Die 70er, 80er und 90er eben. Auch ich habe vor dem Partyleben nicht halt gemacht. Meine Eltern und meine Krankheit waren davon nicht wirklich begeistert.

Ich habe dann die Schule beendet und zunächst den Beruf des Bauzeichners erlernt und mich anschließend zum Bautechniker weitergebildet. Diesen Beruf übe ich inzwischen seit rund 35 Jahren aus. Seit sieben Jahren arbeite ich im Hochbauamt meines Wohnorts.

Privat bin ich verheiratet, habe zwei Kinder und einen Hund. Meine Interessen sind vielseitig: Ich begeistere mich für Eishockey, Fußball und Ahnenforschung.

Gerade die Verbindung von Diabetes und Sport war in meiner Kindheit und Jugend allerdings alles andere als einfach. Eishockey und Fußball ließen sich mit den damaligen Behandlungsmöglichkeiten nur schwer einschätzen und regulieren. Blutzuckermessgeräte für unterwegs, kontinuierliche Glukosemessung oder moderne Insulinpumpen gab es nicht. Man musste sich auf Erfahrung, Körpergefühl und manchmal auch auf Glück verlassen.

Seit inzwischen 25 Jahren betreibe ich Ju-Jutsu. Aber auch heute noch ist Sport und Typ-1-Diabetes durchaus anspruchsvoll. Nach all den Jahren kennt man aber seinen Körper in- und auswendig.

Wenn man auf meinen Lebensweg blickt, lässt sich deshalb durchaus sagen:

„Mit Typ-1-Diabetes ist vieles möglich – auch Beruf, Familie, Sport und ein erfülltes Leben. Manchmal braucht es dafür nur etwas mehr Planung, Geduld und auch immer einen guten Plan B.“

51 JAHRE SPÄTER

Ich habe mich nach 51 Jahren mit dieser Erkrankung nie unterkriegen lassen und muss allerdings auch ehrlich sagen: Ich bin müde geworden. Als Kind dachte ich immer, man würde sich irgendwann an Ärzte, Krankenhäuser, Untersuchungen und die tägliche Therapie gewöhnen. Heute weiß ich: Man gewöhnt sich vielleicht an die Abläufe, aber selbst hier schon schwierig (man hat ja schließlich auch noch ein weiteres Leben) – aber nicht unbedingt daran, dass sie niemals enden.

Je älter ich werde, desto weniger Lust habe ich auf das, was man heute professionell als „Diabetesmanagement“ bezeichnet. Früher war es einfach „Zucker“. Kein Mensch sagte Diabetes. Und immer die gleiche Aussage in den 80ern. Meine Oma hat das auch. Heute klingt es deutlich moderner, ist aber keinen Tag weniger aufwendig.

Trotzdem blicke ich nicht nur mit Erschöpfung, sondern auch mit Dankbarkeit zurück. Die Medizin hat sich in diesen Jahrzehnten unglaublich weiterentwickelt: vom Urintest zur kontinuierlichen Glukosemessung, vom ausgekochten Glasspritzenbesteck zur intelligenten Insulinpumpe und von eher bedrohlichen Warnungen zu deutlich besseren Behandlungsmöglichkeiten.

Mein Diabetes und ich waren nie so das klassische Traumpaar. Aber wir haben inzwischen wie schon gesagt 50 Jahre hinter uns – in gute wie in schlechten Zeiten – und damit mehr gemeinsame Geschichte, als man sich als Kind jemals hätte vorstellen können.

Darum einen Rat an alle jungen Diabetiker. Kopf hoch, es ist zu meistern und nie unterkriegen lassen.

Veröffentlicht: 2026

Teilnehmer-Geschichten

2026071_Zuschnitt-1

Siegfried Kupferer

52 Jahre Diabetes
wmg-2013_2013-08-07_17-54-50

Dieter Keck

53 Jahre Diabetes
IMG_0654-1

Franz-Josef Krix

63 Jahre Diabetes