53 Jahre T1D, kein Ende in Sicht, aber die Lebensqualität damit wird besser.
1973 lernte ich mit 14 Jahren meine Lieblingssportart Kanuslalom kennen.
Die bis heute für mich mit 67 Jahren, immer noch ein wichtiger Bestandteil meines Lebens und Motivator für die Bewältigung des T1D und den täglichen Kampf damit ist. Man würde heutzutage 24/7 sagen.
Mit der Aussage juveniler Diabetes, durch eine Salmonellen Infektion ausgelöste und leider viel zu spät erkannte Diagnose, wurde mir die Sportart einfach verboten. Die damalige Erkenntnis war: kein Sport, Lebenserwartung 35 +/-, täglich zweimal Spritzen von Rinder Insulin und strenge Diät. Glasspritzen mit Mördernadeln, die regelmäßig ausgekocht werden mussten. Mit 700 mg/dl eingeliefert und um 15 Kg abgemagert wurde ich im Krankenhaus auf der Erwachsenen Station geschult und aufgeklärt über den damaligen Wissensstand über Diabetes. Nicht T1D und T2D, nein, juveniler Diabetes.
Durch das lange Kranksein fiel der Erfolg meiner 10. Klasse entsprechende aus, aber ich bekam die Möglichkeit, diese zu wiederholen.
Das Sportverbot habe ich allerdings mit der Unterstützung meiner toleranten Eltern ignoriert und versucht, meinen Diabetes dadurch in den Griff zu bekommen. Die monatlichen Montag-Blut-Untersuchungen bei meinem Kinder- bzw. Hausarzt konnte ich durch regelmäßiges Sporttreiben einigermaßen steuern bzw. beeinflussen. Montags gab es ein Nüchterntreffen in der Praxis von vielen Diabetikern, fast alles T2D, zum Blutzuckermessen, was ja 1973 nur vom Arztlabor gemacht werden konnte.
Die damalige Therapie mit strenger Diät und zweimal Spritzen war für einen Vierzehnjährigen sehr schwer zu akzeptieren. Nach der erfolgreichen 10. Klasse war der Beginn einer Ausbildung angedacht.
Einige Eignungstests für eine Ausbildung zum Biologie-Laboranten wurden von diversen Firmen anberaumt. Leider bekam ich nach der medizinischen Untersuchung nur Absagen.
Mein Kanuslalom habe ich aber erfolgreich weitergemacht. Trotz Diät, Glasspritzen mit dicken Nadeln und auskochen müssen, war ich motiviert, weiterzumachen. Zelten, Paddeln mit Wettkämpfen und Touren von Karlsruhe bis Köln bei Wind und Wetter wurden durchaus bewältigt.
Durch einen gleichaltrigen Mitschüler und auch T1Diabetiker in der letzten 10ten Klasse erfuhr ich dann auch von Kunststoffeinwegspritzen mit erheblich höherem Bedienungskomfort und wegfallendem Auskochen, was meistens meine Mutter machte, verbesserte sich auch die Lebensqualität. Unterzucker war damals kein Thema und kam auch auf Grund der Therapie nicht vor.
Durch zweimaliges Spritzen von Rinder-Insulin, mit einer Diät, welche mal mehr, mal weniger gemacht wurde, waren die BZ-Werte wohl mehr im 200 Plus- Bereich. Kontrollen gab es noch nicht, bzw. nur Montag morgens, einmal im Monat. Ich war wohl das einzige Kind mit Typ T1D, mit Untergewicht, unter vielen meist schweren und für mich alten Leuten.
In Ermangelung einer Lehrstelle ging ich dann einfach auf das Gymnasium, da ich die Qualifikation dafür erreicht hatte. Mein Sport hielt mich derweil bei Laune.
Der Kampf für die Gesundheit mit dem T1D ging weiter. Ich bekam inzwischen, wenn auch schwierig, Harnzuckerteststreifen. Höhen und Tiefen mit Frustrationen, mal mehr mal weniger.
Den Moped-Führerschein, kostenfrei bei der Polizei absolviert, musste ich aber abschreiben.
Die für Diabetiker vorgeschriebene MPU-Untersuchung war mit über 200,- DM zu teuer.
Der Besuch des Gymnasiums als ehemaliger Hauptschüler, einige Jahrzehnte später festgestelltes ADHS und der ,,Zucker“ machten mir das Leben schwer. Einzig der Sport und die Unterstützung meiner Eltern ließen mich durchhalten.
Ich konnte mich in der Jugend und später als Erwachsener in meiner Sportart in die jeweilig höchste nationale Leistungsklasse hoch kämpfen und an deutschen Meisterschaften und nationalen Ranglistenrennen teilnehmen.
Mehr belasteten mich die endlosen Streitereien mit der Krankenkasse und den Ärzten.
Nötige Sporttauglichkeitsatteste. Fragen, wie z.B. warum Sport und wofür, nicht gesund, warum Leistungssport?
Dazu noch erfolgloser Kampf für ein Blutzucker-Messgerät. Damals ca. 200.- DM.
Diskussionen: Arzt: Rezept gibt es, wenn die Kasse bescheinigt, dass sie bezahlt.
Kasse: Wir zahlen, wenn der Arzt das Rezept raus schreibt.
Resultat: Selbstfinanzierung. Arzt: Harnstreifen reichen
Später die Diskussionen mit Kasse und MDK wegen der Verordnung „Größenordnung“.
In den letzten Jahren ohne CGM waren ja 15 Teststreifen am Tag nötig.
Mit 18 wurde mit dem Führerschein auch die MPU beim TÜV mit über 300,- DM nötig.
Dieses hielt mich aber nicht ab, meine sportlichen Aktivitäten zu reduzieren. Kanuslalom als Leistungssport ganzjährig und im Winter noch Basketball, auch für den Leistungskurs Sport im Gymnasium. Nebenher noch einen Übungsleiter A-Schein im Abendkurs abgeschlossen.
Nach absolviertem Abitur war für mich persönlich die einzige Option weiterzumachen, ein Sportstudium.
Da die Deutsche Sporthochschule keine Probleme mit Diabetikern hatte, konnte ich dort im Wintersemester 1978/79 ein Studium der Sportwissenschaft beginnen, welches ich 1984 erfolgreich abschließen konnte.
Nebenher war ich dann im Kanuslalom als Übungsleiter von 1978 bis 1982 und danach als Landestrainer am Leistungsstützpunkt Hilden bis 1993 tätig.
Leider wurden die ganzen Dinge mit dem Insulin und der Therapieform der damaligen Zeit durchlebt, und trotzdem bewältigt.
Dieses hatte, wahrscheinlich durch häufige hohe BZ-Werte, gerade vor den eigenen möglichen Blutzuckermessungen, über längere Zeit einiges in meinem Körper geschädigt.
Die festgestellte diabetische Retinopathie machte mehrmalige Laser-Therapie von 1985 bis 1992 nötig.
Der größte Fortschritt der Diabetes Therapie wurde mir 1986 zu teil, als ich endlich in der Diabetes Klinik Hösel meine erste Reha machen durfte.
Erste richtige Aufklärung und Schulung nach 13 Jahren Diabetes.
Dort lernte ich die Intensivierte Insulintherapie und Basis/Bolus mit dem Novo Pen kennen und schätzen. Leider hielt mein damaliger Hausarzt diese im richtigen Leben nicht für praktikabel.
Da er auch keine HbA1c Werte machte, wechselte ich den Arzt. Diabetische Schwerpunktpraxen kannte man noch nicht.
Nach dem Studium hatte ich beruflich weniger Glück.
Kurzzeitig als Lehrbeauftragter und Honorarkraft an der DSHS Köln beschäftigt, brach ich auch aus finanziellen Gründen mein angefangenes Aufbaustudium wegen Perspektivlosigkeit ab. Wer stellt schon einen Dr. Sportwissenschaft an. Als Diplom-Sportlehrer gab es auch nichts, an Schulen hatte man keine Chance, Beamter mit Diabetes war auch unmöglich.
Also war ich Landestrainer mit 300,- DM und fing einen Job als Lagerverwalter an, um mein eigenes Leben bestreiten zu können.
Der Diabetes war dort bekannt und kein Hindernis. Probleme gab es dann allerdings durch die moderne Diabetestherapie mit guter Einstellung. Der Wechsel von Rinderinsulin mit zwei Injektionen auf Basis-Bolus Kurz- und Langzeit Insulin war zwar gut, führte aber auch öfter mal zu Hypos durch Überlappungen der Wirkprofile. Der stressige Alltag und das Diabetes Management waren nicht zu unterschätzen. Trotz häufigem schmerzhaften Messen, Spritzen, Denken, Essen, gibt’s auch mal Verrechnen und führte dann auch schon mal beim Sport zu kritischen Situationen.
Über die lange Zeit brachten die vielen Auf und Abs eine Wahrnehmungsstörung mit sich und ein beginnender Bluthochdruck stellte sich auch ein.
Eine, beim Sport in Prag, erworben Magen-Darm-Infektion waren dem Diabetes Management nicht zuträglich. 1992 lernte ich das Diabetes Forschung Institut in Düsseldorf kennen.
Ich besuchte eine Blutdruck-Schulung und durfte an einer Studie teilnehmen, die sich mit neurologischen Folgeschäden durch Diabetes beschäftigte. Durch umfängliche Untersuchungen wurden einige Pathologien festgestellt. Eine Gastroparese, Polyneuropathie, periphere Neuropathie in den Beinen und Bluthochdruck.
Leider habe ich damals eine Insulinpumpen -Therapie abgelehnt, weil ich meine sportlichen Aktivitäten dadurch gefährdet sah.
Ausreichend medikamentiert konnte ich meinen geliebten, für mich lebensnotwendigen, Sport weiter betreiben. Die Probleme des Magen-Darmtraktes belasten mich bis heute mal mehr, mal weniger und erschweren die Diabetestherapie nicht unwesentlich.
Meine Tätigkeit als Lagerverwalter beendete ich dann 1993, um eine Weiterbildung zum Physiotherapeuten zu beginnen, weil ich eine Veränderung in meinem Leben, vor allem Beruflich, für nötig hielt.
Nach der Ausbildung zog ich nach Augsburg um und arbeitete bis zum Rentenbeginn 2022 in einer orthopädischen Klinik.
Als Physiotherapeut habe ich hauptberuflich in der Klinik und nebenher im Sport mit Athleten in meinem geliebten Kanuslalom gearbeitet.
Ich selber konnte nun in Augsburg, ohne den früheren großen nötigen Aufwand, meinen Sport viel besser und leichter bis ins heutige Alter von 67 betreiben.
Hier änderte sich für mich einiges zum Positiven im privaten, beruflichen und diabetischen Leben.
Die häufigen Unterzuckerungen führten mich 1996 zur Insulinpumpentherapie.
Diese Therapie brachte mir eine deutliche Verbesserung der HbA1c-Werte und der Lebensqualität, obwohl die Häufigkeit der BZ-Werte Messungen weiter zunahm.
2000 lernte ich meine heutige Ehefrau kennen, die ich 2007 heiratete und die mich seitdem auch bei meinem Diabetes unterstützt.
Bei allen Unwägbarkeiten und Erkrankungen mit und durch Diabetes, bei Operationen und Krankenhausaufenthalten, bei großen physischen und psychischen Problemen durch die berufliche Überlastung dem Gesundheitssystem geschuldet, haben mir meine Eltern, meine Frau und der Kanuslalom die Kraft zum Durchhalten geliefert.
Trotz Zunahme körperlicher Gebrechen durch Diabetes und normaler Alterung und Verschleiß habe ich mich bis zum CGM und jetzt zum Close LOOP erfolgreich, unter Ausübung meines Sportes durchgekämpft, und die 53 Jahre Diabetes überlebt. Seit 1992 nehme ich auch regelmäßig an deutschen und seit 2013 internationalen Master- Kanu-Wettkämpfen teil, die ich trotz des Diabetes durchaus zufriedenstellend bewältige. Diese hilft mir sehr, um die hohen Anforderungen des Diabetesmanagement motiviert auch die nächsten Jahre gut gelaunt zu bestreiten.
T1D for ever and never give up. T1D 24/7.
Veröffentlicht: 2026




