57 Jahre mit Typ F
zu 70 Jahre Typ 1 von Gabriele Walther
Diabetes Typ F ist immer eine Sekundärerkrankung.
Er entsteht ebenso unvorhersehbar wie der auslösende Typ 1 (oder anderer), ist allerdings im Gegensatz zu diesem manchmal heilbar.
Bei mir nicht.
Der Typ 1, durch den mein Typ F entstand, war Fünf, als ich ihn kennen lernte, die Trägerin Zehn, ebenso wie ich. Wir wurden alle gemeinsam ins örtliche Gymnasium eingeschult und blieben dort in derselben Klasse bis zum Abitur. 9 Jahre Inkubationszeit! Genug Zeit also, sich kennen zu lernen. Aber ich lernte eher etwas über die Reaktionen der Umwelt: Verständnisvoll, gleichgültig, mitleidig, neugierig, unbelehrbar, hilfsbereit, abwehrend. Wenige fragten, viele tuschelten.
Als wir alle gemeinsam zum Studium nach München zogen, war ich schon infiziert (offizielles Datum des Ausbruchs: 18.6.1969). Allerdings lebte ich dann mit dem strikten Verbot, mich in die Behandlung des Typ 1 einzumischen, wenn ich Typ F bleiben wollte. Also tobte das Leben mit dem und gegen den Typ 1 mit dem Typ F eher an der Seitenlinie. Wichtige Entscheidungen wurden aufgrund des Typ 1 getroffen – will man Kinder, wenn man vielleicht nur 30 wird? Welchen Beruf ergreift man? Typ F unterstützt – oder lässt es. Der ganze Rest des Lebens lief wie bei anderen Menschen auch. An erster Stelle stand der Beruf, dann kam die Familie, auch ohne eigene Kinder, denn die „Lücke“ nützten genügend andere; erst dann vielleicht irgendwann der Diabetes.
Wichtig wurde der Typ F, als die Folgeerkrankungen des Typ 1 das Leben zu verändern begannen. Schleichend übernahm ich, immer schon gerne ein sorgender Familienmensch, mehr Aufgaben in Haus und Hof, fuchste mich vor allem in die Ernährung ein. Kochen war schon immer meine Leidenschaft, das half.
Zu Hochform lief der Typ F um die Jahrtausendwende auf – ich war voll berufstätig, meine Frau unerwartet rundherum hilfsbedürftig nach Herz-OPs mit staph aureus. Da haben mich Beruf, Haushalt und Fürsorge gleichzeitig schon gefordert. Aber was war am wichtigsten, wie die Typ1erin sagt? Dass ich sie immer anstrahlte, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam!
In dem Maß, wie ihre Augen nachließen, übernahm ich später auch weitgehend das Steuer im Auto, wenn auch eher ungern, aber das heißt, dass wir jetzt, im Ruhestand, fast alle Fahrten gemeinsam machen. Ich liebe es!
Überhaupt darf ich heute, was anfangs so strikt verboten war: sie umsorgen nach Herzenslust. Und das tut uns beiden unendlich gut.
Veröffentlicht: 2026



