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50 Jahre Diabetes

Ottilie Fritsch

(56 Jahre Diabetes)
Ottilie Fritsch

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass ich furchtbaren Durst hatte. Ich habe literweise Wasser getrunken. Nachts bin ich aufgestanden und habe mich auf die Toilette gesetzt. Daneben war ein Waschbecken. Am Wasserhahn war ein Schlauch als Verlängerung angebracht. Ich habe den Schlauch in den Mund genommen, den Wasserhahn leicht aufgedreht, den Kopf auf die Hände gestützt und so saß ich und schlief auf der Toilette. So wie das Wasser in meinen Mund lief, so lief es „unten“ wieder heraus.

Wir hatten einen kleinen Bauernhof und alle mussten mithelfen. Auch für mich gab es kleine Aufgaben zu erledigen. So musste ich bei der Kartoffelernte die Kartoffeln einsammeln. Aber ich hatte furchtbar Durst und ich musste zur Toilette. Nachdem ich meinen unlöschbaren Durst ein wenig gestillt hatte, legte ich mich in die Diele des Hauses, weil ich einfach so müde war. Meine Mutter fand mich so und sie schimpfte mich aus, ich wäre ein faules Kind. Später tat es ihr leid. Ich glaube, sie hat das nie richtig überwunden.

Noch schlimmer als der Durst war dieser nächtliche Juckreiz in der Scheide. Ich habe mich blutig gekratzt. Meine Oma hat mich alle paar Stunden mit Kamillentee gewaschen und mit Penatencreme eingecremt. Dabei sagte sie eines Tages zu meiner Mutter, dass ich bestimmt Zucker hätte. Sie kannte die Symptome aus den Erzählungen aus ihrer Arztpraxis.

Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als meine Eltern mit mir beim Arzt waren. Er testete den Urin. Er steckte einen Streifen in den Becher und als er ihn rauszog, zeigte er ihn meiner Mutter. Er sagte, ich hätte Zucker. Warum meine Mutter so furchtbar zum Weinen begann, konnte ich nicht verstehen, denn Zucker ist doch toll, so schön süß. Man bettete mich zu Hause auf die Couch mit einer Wärmflasche und einer Decke. Ich musste schön sitzen bleiben. Irgendwie kam ich dann ins Krankenhaus…

Meinen Diabetes musste ich immer selber regeln. Mama brachte es nicht übers Herz, mir das Insulin zu verabreichen. Sie kochte mir morgens die Spritze aus und setzte sie mir zusammen, spritzen musste ich selber. Ich war unheimlich stolz, dass ich so eine Spritze wie der Doktor hatte. Irgendwie machte mir das nichts aus.

BZ-Messungen gab es alle 6 Wochen. Ich durfte an diesem Tag erst später zur Schule, mein Vater fuhr mich ins Krankenhaus, dort nahm man mir Blut ab. Danach fuhr er mich heim, ich spritzte Insulin, wartete 30 Minuten, frühstückte und dann wurde ich in die Schule gebracht. Nach der Schule musste ich in die Poststelle gehen, denn die Postdame rief dann im Krankenhaus an, an welchen BZ-Wert die Ottilie hat. Der Gang zur Poststelle war für mich voller Angst. Mein BZ war niemals unter 250mg/dl, meistens über 350 mg/dl. Traurig und weinend bin ich wieder heimgegangen, den großen Berg hinauf, im Kopf die Worte des Arztes, dass meine Füße amputiert werden, meine Nieren kaputt gehen und ich blind werde, wenn ich so weitersündige. Meine große Sünde war morgens ein halbes Brot mit Schinken, mittags zwei kleine Kartoffel, eine quadratische Fischplatte (Filet) und viel Endiviensalat und abends eine Scheibe Brot mit „Hirnwurst“ (weil die mager ist), ab und zu ein Ei. Ich hatte unendlich Angst vor diesen Drohungen die mein Arzt immer aussprach.

Irgendwann kam ich auf die Idee, wenn ich das, was ich spritze verdoppele, nämlich 2 Teilstriche (8 IE Ultralente), dann hätte ich sicher mehr Erfolg, da mehr Insulin. Mehr hilft mehr. Ich hab manchmal eine halbe Glasspritze von dem Insulin gespritzt. Vor allem dann, wenn meine Mama sagte: „Aus is, bei dir riecht man den Zucker heute wieder stark aus dem Mund.“ Wenn ich die Spritze zu voll machte, kam es natürlich auch zu Unterzuckerungen. Endlich durfte ich dann auch mal was anderes außer Fisch und Kartoffeln essen. Die Unterzuckerungen kamen hauptsächlich nachts. Ich stand dann auf und plünderte den Kühlschrank. Ich aß so lange, bis die Zittrigkeit und der Schweißausbruch vorbei waren.

Eines Tages kam meine Schwester heim und erzählte, dass es in München einen Diabetespapst gäbe und dass er mir bestimmt helfen könnte. Leider durfte ich dort nicht hin. Der Arzt sagte, die Krankenkasse würde das nicht erlauben.

Der Gedanke zum Diabetespapst zu kommen lies mich nicht los. Ich dachte, wenn es mir noch schlechter gehen würde, würden der Arzt und die Kasse einsehen, dass ich dort hin muss. So war es dann auch. Nach gehäuften Notarzteinsätzen bekam ich eine Einweisung ins Schwabinger Krankenhaus. Es war nicht einfach, denn ich hatte unendlich Sehnsucht nach meiner Mama und meinem Papa. Tagsüber war es nicht so schlimm. Ich war in einer Beschäftigungstherapie und Diabetes-Schulungen. Der Diabetespapst hielt sie zusammen mit einer Diätassistentin ab.

Ein wenig enttäuscht war ich, denn der Arzt war ganz schön alt, hatte kaum Haare, aber was er erzählte war sehr einleuchtend und interessant. Nur dass ich zur Fußstunde gehen sollte, fand ich doof. Meinte er, ich könne meine Füße nicht richtig waschen? Wie wichtig das alles war, wurde mir erst später bewusst. Der Diabetespapst war irgendwie meine Rettung. Ich begann mich für Diabetes zu interessieren. Geärgert hat mich, dass man mir damals nicht glaubte, dass der Quark, den wir schüsselweise essen durften, wenn wir Hunger hatten, einen hohen Nüchternzucker machte. Man glaubte, wir hätten nachts heimlich genascht. 10 Jahre später profilierte sich ein Arzt am Kongress mit der Erkenntnis, dass der Verzehr von Eiweiß und Fett am Abend ohne Insulin hohe BZ-Werte am Morgen hervorruft…

Bei einem späteren Krankenhausaufenthalt lernte ich Frau Dr. Barbara Kraus kennen. Sie war selbst von Diabetes betroffen. Mit ihr habe ich 1983 meinen Sohn gesund zur Welt gebracht. Sie hat mir immer wieder gesagt, ich solle doch mein Wissen über Diabetes in meiner Region weitergeben. Als sie selbst auf tragische Weise verstarb und ihre Nachfolgerin auf mich zukam und mir sagte, Barbara hätte sich so gewünscht, ich würde den Menschen mit Diabetes hier in unserer Region weiterhelfen, wollte ich ihren Wunsch erfüllen.

Ich holte im April 1986 das Schwabinger Schulungsteam, an der Spitze Prof. Mehnert, nach Passau und wir hielten einen Diabetes-Informationstag in Passau ab. Mit den Interessierten, die sich an dem Tag in eine Liste eintrugen, begann ich eine Selbsthilfegruppe. Ich stellte mich beim Bayerischen Diabetikerbund als Jugendreferentin zur Verfügung. Seit dieser Zeit habe ich viele Gruppen in ganz Bayern gegründet, habe Schulen und Kindergärten über Diabetes informiert. Kinder- und Erwachsenendiabetikertage abgehalten. Um mehr Gewicht zu haben, habe ich die Ausbildung zur Diabetesassistentin gemacht und später die Ausbildung zur Diabetesberaterin.

Es gäbe unendlich viele Geschichten zu erzählen, aber das würde den Rahmen sprengen. Ich bin glücklich Prof. Mehnert und Dr. Barbara Kraus begegnet zu sein. Sie haben mein Diabetesleben in die richtige Bahn geleitet. Ohne sie hätte ich keine 56 Jahre Diabetes so unbeschadet überlebt. Ohne sie wäre unsere Region nicht so aufgeklärt, wie sie es ist. Ohne sie hätte ich wahrscheinlich nicht meine Enkeltochter erlebt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht dankbar an diese beiden Menschen denke.

Veröffentlicht: 2022

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