Heinz Stiewe (63 Jahre Diabetes)

Heinz Stiewe Diabetes Typ 1 – eine Nasenlänge voraus
Unabwendbar, man muss sich arrangieren. Er ist das Spiegelbild unser selbst.

Mit vier Jahren das Grauen des Krieges und Zerstörung meiner Geburtsstadt Berlin erlebt und überlebt in Erinnerung. Hungersnot, Evakuierung hatten geprägt und gereift. Nach der Not gab es Brot und es hieß: „Iss, damit du groß und stark wirst“. So geschehen.
Es zeichneten sich extreme Anzeichen ab. Kommentar unseres Hausarztes: „Zuckerkrank“.
Im Krankenhaus Grundregeln des Stoffwechsels und mit I.E. und BE rechnen gelernt. Nie mehr Süßigkeiten! Dafür viele Einschränkungen, Verbote, Ausgrenzungen. Und – alt würde ich nicht, Spätschäden würden bald auftreten! Mein Ansehen von außen ein Zuckerkranker. Der Mensch dahinter bleibt unbeachtet.

Tapfer 18 mm Nadeln unter die Haut schiebend zweimal am Tag Komb (Mischinsulin). Kinder wollen alles wissen, lernen sehr schnell durch gutes Gespür und Verstand. Mein Zucker entwickelte eine enorme Dynamik, die man zu beherrschen lernte. Wie ein Pokerspieler. Auffällig, nichts änderte sich bei Insulinausfall über Wochen mangels Geld. Eigeninsulin. Meine Bemerkungen blieben ungehört. Niemand machte den Versuch, das Spritzen abzubauen, es mir noch Jahre, gar fürs Leben zu ersparen. So wurde meine Eigenproduktion totgespritzt.

Daher wurde ich Autodidakt, behielt Typ 1 für mich. Es entwickelte sich ein extremes Körpergefühl mindestens eines Artisten, besonders für den Blutzuckerstand bis heute. Es gab keine Testmöglichkeiten. Lediglich vierteljährlich einmal im Labor. Alle Sinne sind hellwach und der Verstand nimmt alles auf, das Wohlbefinden zu erreichen. Mein Interesse ist sehr groß.
Rückhalt in der innovativen Familie und alles Wissen aus Büchern, die in unserer kleinen Druckerei hergestellt wurden, führten zu schnellen Lösungen die „mein“ Diabetes verlangt.
Blutzuckerschwankungen haben immer andere Ursachen. Niemals geriet ich in prekäre Situationen. Willkommen im geistigen Netzwerk. Und – Diabetes ist ein Schlüssel, alle Einflüsse zu erkennen, nutzen oder abwehren, Krankheiten vorzubeugen. Idealer Ratgeber, Charakter stärkend, hoch qualifizierend. Er verschwand völlig im Hintergrund. So raffiniert er immer Nachdenken fordert umso schlagfertiger wird man bis hin – eine Nasenlänge voraus zu sein!
Richtige Ernährung und Lebenswandel selbstverständlich. Alkohol und Rauchen von selbst ausgeschlossen sind Binsenweisheiten. Cool, der Teststreifen lügt nicht!

Die Schwerstarbeit in der Druckerei tat mir gut und ist bis heute Grundlage für ein sportintensives Leben. Auch wurde das grafische Gewerbe Mittelpunkt in meinem Leben. Längst hatte ich alle Fertigkeiten erworben. Als Schriftsetzer an der Quelle, las ich lehrreiche Manuskripte, druckte und buchbinderte dann und andere Menschen bildeten sich ebenfalls an der Lektüre.

Eine Entdeckung – das andere Geschlecht. Wohin führte der Weg? Richtig, in eine Tanzschule. In der Teenagergemeinschaft formten wir uns gegenseitig zu Ladys und Gentlemen mit Haltung und Achtung für einander. Und sich sicher auf glattem Parkett und im Leben zu bewegen. Unvergesslich die Abschlussbälle in Gala!

Meine Ausbildung wurde abgeschlossen. Beginn, die Druckerei mit zu führen. Da traf Amor. Meine erste Liebe. Dazwischen stand aber er, der Diabetes. Undank damaliger rückständiger Auffassung der Öffentlichkeit, beim Jawort sagte mein Gewissen Nein.
Ein erbkranker Schwerbehinderter ohne Zukunft ist unzumutbar. Kinderwunsch sowieso ausgeschlossen.

Mein Singledasein füllte sich im beruflichen Erfolg. Mut, Risikofreude und Innovation führten stets neueste Technologie in unseren Betrieb. Die Mitarbeiterführung lag mir besonders für „Behinderte“. Hier wuchsen sie über sich hinaus. Ein großes Kapital.

Wie eine Hypo war die nahende Umwälzung der Menschheit zu spüren. Und wie bei einer Hypo wurde sehr frühzeitig gehandelt. Die Digitalisierung fand wachsend Einzug. Ein sehr hohes Wagnis, kluger Weise erst auf einem „Bein“. Mit noch ungeahnter Entwicklung geistiger Schöpfungskraft. Vernetzung weltweit. Viele die das verkannt haben wurden vom Markt gefegt und verloren ihren Arbeitsplatz.

Durch einen Briefwechsel fand ich die Liebe meines Lebens. Ebenfalls Typ 1, fünf Jahre länger selbst managend, mit ähnlichem Lebensprofil. Es gesellte sich alles Glück. Mit unserem Hausarzt, selbst Langzeitdiabetiker und ein Pionier der Diabetologie, führten wir wertvollen Erfahrungsaustausch. Auch Bestätigung, nichts ist unmöglich.
Das fanden wir endlich in Mitgliedern der IDAA. Sportdiabetiker Typ 1. Für den beruflichen Ausgleich, dessen hohe Verantwortung und Engagement, waren gemeinsame Bergwanderungen auch auf höchste Gipfel erholsame Freude, ebenso der Tanzsport. Meine Frau war stets die gefragte rechte Hand der Unternehmensleitung unterschiedlicher Branchen und – Ironie der Gesundheit, des Präsidenten der Ärztekammer zu Berlin.

Inzwischen war die Digitalisierung der Druckerei auf Computer übergegangen. So ging ich das höchste Wagnis mit rund um die Uhr Anforderung bei voller Haftung ein, die Druckvorstufe abzutrennen in einen eigenen Multimediabetrieb. Der Kundenbedarf international war groß. Wieder fanden sich Mitarbeiter auch mit „Behinderung“, die in der neuen Technologie ausgebildet wurden. Alle zogen an einem Strang. Denn nicht immer war alles rosig. Rezessionen, Kundenverluste. Gemeinsam gut überstanden. Glück gehört auch dazu.

Meinem Körper hatte die übermäßige Arbeit und sitzen vor dem Bildschirm ohne Bewegung bis auf „Knöpfchen“ drücken arg zugesetzt. Gefäßschäden drohten buchstäblich sichtbar mit meinem Kapital, den Augen. „Fünf vor Zwölf“ zog ich die Reißleine. Ein Teilhaber halbierte die Last. Radikal wurde das Leben der Gesundheit angepasst, mit völliger Regeneration. Man geht viel besonnener zu Werke, ist effizienter und genießt erfreuliche Lebensqualität.

Meine Frau und ich harmonierten besonders innig, verband uns doch besonders der Typ 1. Wertvolle Erfahrungen bei Kreuzwirkungen und Vorsorge für spätere Jahre. Für uns nur Gewinn, sieht man das oft längst nicht so. Diabetes hat immer noch ein schlechtes Image. Langzeitdiabetes wird oft ignoriert oder auch nicht begriffen mit den großen wertvollen Erfahrungen und Leistungen.
Die Nutzung der Insulinpumpe brachte Stabilisierung, ist komfortabler und entscheidend – Haut schonender. In Krankenhäusern führte die oft zu Missbilligung. Bei meinem Beweis, mit 53 Jahren Typ 1 einsteigend locker unzählige Male Langstreckenlauf über 42 km zu laufen und im Hochgebirge Gipfel zu stürmen krähte kein Hahn danach. Doch alles wird mit dem Altersprozess wesentlich herausfordernder. Da hilft nur lange Erfahrung.

Alles Glück und Erfolg in 42 gemeinsamen schönen Jahren können zu Ende gehen wenn eine Krankheit auftritt. Die wurde meiner Frau so zur Last, dass eine OP notwendig wurde. In der Weiterbehandlung zeigte sich, dass ein Typ 1 das Team überforderte, weil er aus Laborwerten nicht aussteuerbar ist. Es wurden viel zu hohe Blutzuckerwerte gehalten. Das verkraftete der OP-geschwächte Körper vor zwei Jahren nicht. Ein schmerzlicher Verlust, so seine Lebensgefährtin verloren zu haben. Im Herzen und in Erinnerung ist meine Frau allgegenwärtig. So führe ich unser gemeinsames Tun in ihrem Gedenken fort.

Sein Leben mit Diabetes kann man mit Eigeninitiative lebenswert und erfolgreich gestalten. Nur eine Nasenlänge voraus sein. Er beflügelt darin, sich alles zutrauen und es zu wagen. Die Informationsdichte auf hohem Niveau ermöglicht jedem Diabetiker ein gesundes Leben.
Auch erleichtert es Therapeuten die Behandlung. Es wird viel getan, man müht sich sehr.
Wer das nicht nutzt schadet sich selbst und anderen. Schädigt unseren Tüchtigen das Ansehen. Erschwert Therapeuten ihre Hilfe.
Wenn man bedenkt, dass das Geschriebene vor Jahrzehnten geschehen ist, dann …
Die Geschichte ist meiner Frau gewidmet. Ihr Leben mit 66 Jahren Typ 1 und meines mit 63 Jahren ist wunderschön geworden durch gegenseitige Stärkung und Verständnis.

Heinz Stiewe
(verstoben im Mai 2016)

Veröffentlicht: 2013
 

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