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50 Jahre Diabetes

Erika Späth

(70 Jahre Diabetes)
Erika Späth

Betreff: 50 Jahre Diabetes? Sogar 70 Jahre kann ich bieten. Und das kann ich beweisen mit einem alten Brief, der schon fast auseinanderfällt.

STECKBRIEF:
– geboren 1938
– Diabetes Typ 1 seit 1953, da war ich gerade im 1. Lehrjahr. Das war Glück, denn krank hätte mich in unserer Kleinstadt niemand genommen.

Die Diabetes-Einstellung mit Haferschleim und Insulin-Spritzen dauerte 4 Wochen. Entlassung mit starrem Essensplan nach WBE (1 Weißbroteinheit war 20 Gramm) und 1 Insulin-Spritze täglich morgens, mit fester Menge. Änderungen untersagt.
Nach 2 Jahren wollte mich die DAK für 3 Monate „ausgrenzen“. Meine Mutter war Kriegerwitwe, ich „verdiente“ als Lehrling 52 Mark, später 72 Mark im Monat. Wir hätten kein Insulin kaufen können. Mein Lehrherr sorgte dafür, dass diese Verordnung nicht in Kraft trat. Es ging leidlich, ich sammelte meine Erfahrungen, testete auch meine Grenzen aus.

1958 heiratete ich. Mein Mann war aus Nürnberg, wo ich dann mehr als 50 Jahre gelebt habe. In meinen jungen Jahren waren diabetische Schwangerschaften unerwünscht, ja lebensgefährlich für Mutter und Kind.

Erste OP: GALLE; im Klinikum Nürnberg. Ich sagte, ich bin Diabetikerin. Jaja, alles o.k., vor der OP kein Insulin spritzen. Dann ließen sie den Zucker laufen. Ich bin fast gestorben, war 4 Wochen in der Intensivstation. Dann stationär. Da bekam ich endlich ein Basis- und ein Bolus-Insulin, noch nach festen Regeln. Und mein erstes Blutzucker-Messgerät. Das war schwierig, es kostete 450 Mark. Lange Verhandlungen mit der DAK.
AUGEN: 1x jährlich Augenarzt war Pflicht. War immer alles gut, bis ich zufällig zu einem Oberarzt des Nürnberger Augen-Klinikums kam. Danach schnellstens Laserung beider Augen und nach und nach mit mehr als 10 OP`s Rettung meines Augenlichts.

Spät erfuhr ich von der Diabetes-Klinik in Bad Mergentheim. Dort bekam ich die ICT-Behandlung und damit endlich Luft für Eigen-Initiative. Heute lebe ich mit FFP 3 und kann mich als geschulte Expertin für Diabetes Typ 1 sehen. Von der Diabetologin bekomme ich regelmäßig Lob.

An der Medaille bin ich eigentlich nicht interessiert, obwohl ich Prof. Mehnert noch posthum für seine Leistung in der Diabetologie verehre.
Mit Sorge schaue ich auf die mir verbleibende Lebenszeit: In der Pflege steht Typ 1 trotz vermehrter Schulung immer noch nur auf dem Papier. Die Praxis fehlt. Es gibt kein berechenbaren Essen, aber man weiß, dass Diabetiker heute „ALLES“ essen können (die meinen das für täglich!). Pumpen müssen abgegeben werden. Wechsel der Sensoren sehr schwierig, die damit gemessenen Werte werden nicht akzeptiert. Stattdessen 3x tägl. Messung per Fingersticks + Spritze nach Schema vom Hausarzt. Diabetologen werden als Fachärzte in der Pflege nicht zugelassen, eine Selbstmedikation ist nicht möglich usw.

Seit Jahren kämpfe ich dagegen an, aber alleine? Politik und Pflegeverbände mauern dagegen. Für Änderung ist fachliche Hilfe dringend nötig, nicht nur in der Fachliteratur. Die Missstände müssen in die Öffentlichkeit, damit Druck entsteht!!!

Veröffentlicht: 2023

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